Sonntag, 22. Oktober 2017

Was ist mit Israels Massenvernichtungswaffen?

Wieder einmal steht der Iran und dessen Atomprogramm im Zentrum des amerikanischen Sturms, obwohl das Thema eigentlich schon längst vom Radar aller beteiligten Nationen verschwunden ist. Andere, dringendere Probleme als ein künstlich herbeigebrachtes, beherrschten die Aufmerksamkeit und Politik in den letzten Monaten. Doch US-Präsident Donald Trump hat es geschafft, dass sich zumindest die an den Verhandlungen beim Iranabkommen beteiligten Nationen wieder damit beschäftigen mussten. Andere wiederum standen bereits an der Seitenlinie bereit, um Verwünschungen oder Gratulationen in Richtung Weisses Haus von sich zu geben.

Es begann damit, dass Präsident Trump lediglich das tat, was er bereits in seinem Wahlkampf versprochen hat, nämlich den in den USA unpopulären "Iran Deal" abzuschaffen. Das bedeutet also, die Regierungen der beteiligten Nationen, einschliesslich der Medien, hatten ein knappes Jahr seit der Wahl von Trump Zeit, sich eine Antwort auf dieses Vorhaben einfallen zu lassen. Stattdessen hoffte man aber offensichtlich, dass Trump es vielen Wahlkämpfen hierzulande nach tut und Wahlversprechen ins Reich der Vergesslichkeit verbannt.

Während nun also unsere Medien und Politiker aufs Gaspedal drückten und mit lautstarker - berechtigter - Kritik und Gefahrenbeschwörungen auf sich aufmerksam machten, ignorierten sie vollkommen, was Trump eigentlich wirklich am Freitag den 13. getan beziehungsweise gesagt hatte. Er sagte nicht, dass er den Vertrag aufkündigen werde, wie es EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini in ihrer Presseerklärung implizierte. Stattdessen machte er nur von seinem Recht gebrauch, welches von seinem Vorgänger Barack Obama dem Commander-in-Chief eingeräumt wurde.

Was hierzulande nahezu unbekannt ist, ist nämlich die Tatsache, dass obwohl die USA das Iranabkommen unterzeichnet haben, die Unterschrift nach US-Recht null und nichtig ist. Denn Obama hätte dafür die Zustimmung des Senats gebraucht, so wie es die Verfassung bei internationalen Verträgen vorsieht. Da er aber genau wusste, dass er diese Zustimmung entweder gar nicht, oder nicht im verfügbaren Zeitrahmen erhalten hätte, liess er den Vertrag trotzdem unterzeichnen und stellte damit die amerikanische Legislative vor die Wahl, entweder einen Kompromiss zu finden, oder als Verantwortliche vor versammelter Weltgemeinschaft in diejenigen in die Geschichte einzugehen, die einen hart erarbeiteten Deal aufgrund von "Formalitäten" sprengen liessen.

So kam es, dass tatsächlich ein Kompromiss mit dem US-Kongress ausgearbeitet wurde. Mit dem "Iran Nuclear Agreement Review Act 2015" verpflichtete sich Obama, und damit alle seine Nachfolger solange das Abkommen in Kraft steht, alle 90 Tage eine Bestätigung abzugeben, dass sich der Iran an das Abkommen halte und, kurioserweise, alle 180 Tage bestätigen, ob sich die Menschenrechtslage gegenüber der vergangenen 180 Tage nicht verschlechtert habe. Das ist die "Zertifizierung", von der alle sprachen. Es war also Obama, der den Grundstein für die Nicht-Zertifizierung von Trump gelegt hatte. Aber darüber schweigt man sich lieber aus.

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Freitag, 13. Oktober 2017

Südbalkan: Sprungbrett des wahhabitischen Terrors in Europa

Die Ideologie der Attentäter von Terroranschlägen mit islamistischem Hintergrund in Europa stammt nahezu ausschliesslich vom saudischen Wahhabismus ab. Nicht so die benutzten Waffen - sofern es keine Fahrzeuge oder Messer sind -, die immer wieder ihren Ursprung im ehemaligen Jugoslawien bzw. Albanien haben. Die religiösen wahhabitischen Strukturen, die seit dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates auf dem Balkan Fuss fassen konnten, sind sehr oft eine Art Fusion mit der organisierten Kriminalität eingegangen. Insbesondere die albanische Mafia, die durch ihre Organisation und Aufteilung von "Verantwortungsbereichen" nach Klans eine in sich geschlossene Gesellschaft bildet, war für die ebenfalls nach wenig Aufmerksamkeit trachtenden islamischen Gesellschaften und Terrororganisationen wie Al-Kaida, wie geschaffen.

Albanien

Fast gleichzeitig mit dem Ausbruch des Krieges in Bosnien, trat Albanien der von Saudi-Arabien dominierten "Organisation der Islamischen Konferenz" (OIC) bei. Dieser Beitritt öffnete die Geldschleusen der arabischen Petromonarchien sowie der Türkei, die hunderte Millionen von US-Dollar für den Bau von neuen Moscheen, Medressen, Kinderheime und Ausbildung von neuen Imamen steckten. Im Windschatten dieses Baubooms, an dem sich auch die albanische Mafia beteiligte, kamen aber auch Terrororganisationen wie der "Islamische Ägyptische Dschihad", "Gamaa Islamija", "Islamische Algerische Heilsfront" oder die "Groupe Islamique Armé (GIA)". 

Mit dem Aufruf des damaligen Präsidenten von Bosnien und Herzegowina, Alija Izetbegovic, für den Dschihad gegen Serben und Kroaten in BiH, bildeten diese ausländischen Terrororganisationen in Albanien, sowie unzählige islamische NGO's mit Verbindungen zum Terror, die ideale Grundlage als logistische Basis für Dschihadisten, von denen viele aus Afghanistan kommend ein neues Betätigungsfeld suchten. Unterstützt wurde dieser Prozess auch vom albanischen Geheimdienstchef Bashkim Gazedede, der die Re-Islamisierung seines Landes nach Jahrzehnten von striktem Atheismus vorantreiben wollte. Und wieder waren es die vorherrschenden Klanstrukturen, die dieser Entwicklung Vorschub leisteten. Mit wenigen Dollars pro Monat, wurden die Familienoberhäupter geködert, um ihre Kinder auf islamische Schulen zu schicken, wo sie im Wahhabismus indoktriniert wurden.




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Montag, 2. Oktober 2017

Bosnien: Wie der wahhabitische Terror nach Europa kam

Über Zagreb und Sarajevo schweben dunkle Wolken der Vergangenheit. Ausgerechnet die Söhne der Staatsgründer der jeweiligen Republiken Kroatien und Bosnien und Hercegovina, Miroslav Tuđman und Bakir Izetbegović, dominieren den jüngsten Streit der beiden Länder. Auslöser des Streites auf höchster Regierungsebene ist ein Buch von Miroslav Tuđman, das Anfang September veröffentlicht wurde und der darin enthaltene Vorwurf, dass die Grundlage für den heutigen "islamistischen Terror" in Europa, in Bosnien Anfang der 1990er Jahre unter Alija Izetbegović gelegt wurde.  Doch das scheint für Bakir Izetbegović, Mitglied des dreiköpfigen Staatspräsidiums von Bosnien und Hercegovina (im Nachhinein nur noch als BiH genannt), nicht die grösste Sorge zu sein. 

Stattdessen regt er sich über Tuđman und die kroatische Regierung auf, warum sie jetzt auf einmal in der Vergangenheit graben und alte Wunden aufreissen. Auf den Vorwurf, dass sein Vater muslimische Extremisten nach Bosnien geholt und in die "El-Mudžahid" Brigade des Dritten Korpus integriert hatte, reagierte er äusserst gereizt:
"Er sagt (gemeint ist Miroslav Tuđman/Anm.), dass Alija Izetbegović sie (die Dschihadisten/Anm.) nach BiH gebracht hat. Im Gegenteil. Alija Izetbegović hat öffentlich bekanntgegeben, dass BiH keine ausländischen Kämpfer braucht, er bat darum, dass keine Menschen mehr aus fremden Ländern kommen. Er sagte: "Wir haben genügend Jungs, (aber) nicht genug Waffen." Was hat sie nach BiH gebracht? Kolonnen von ins Unglück gestürzte Flüchtlinge, vergewaltigte Frauen, beidseitige Aggression vom Osten und vom Westen. All diese Szenen die sie auf CNN und anderen Medien gesehen haben, hat sie hierher gebracht. Sie alle sind über das Territorium von Kroatien und Herceg-Bosna (mehrheitlich von Kroaten besiedelter Teil von BiH/Anm.) gekommen, zu einer Zeit, als Miroslav Tuđman Chef des Geheimdienstes war und von dieser Sache hätte wissen müssen."
Was der bosnisch-muslimische Vertreter des Staatspräsidiums von BiH hier tut, ist nichts weiter als alte Propaganda neu aufzuwärmen. Keine Frage, der Sohn des kroatischen Staatsgründers Franjo Tuđman war Chef des damaligen Geheimdienstes und wusste sehr wohl, was über dessen Territorium abgewickelt wurde. Die Behauptung aber, dass alle Dschihadisten über "das Territorium von Kroatien und Herceg-Bosna" nach Bosnien eingesickert wären, ist schlichtweg eine Lüge. Genauso wie es eine Lüge ist, dass Izetbegović's Vater überhaupt keine ausländischen Kämpfer, sprich Dschihadisten, ins Land holen wollte. Dass er ausgerechnet CNN erwähnt, darf ebenfalls nicht verwundern, angesichts der Propaganda die der Sender betrieben hat. Es war in der Tat so, dass die Bilder von Flüchtlingen und misshandelten Menschen auf CNN dafür gesorgt haben, dass sich die Wut in der muslimischen Welt erhob. Wie aber auch in den allermeisten anderen Konflikten seitdem, berichtete der amerikanische Sender höchst einseitig und liess unbequeme Tatsachen unter den Tisch fallen.

Wie der globale Dschihad nach BiH kam

Schon früh zeigten sich die US-Geheimdienste über Deutschlands Haltung auf dem Balkan besorgt, insbesondere was den deutschen Druck innerhalb der Europäischen Gemeinschaft, der Vorgängerin der Europäischen Union, zur Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens anbelangte. Obwohl man sich auch in Washington Illusionen hingab, wenn es um die Einschätzung des Präsidenten der damals noch jugoslawischen Teilrepublik Bosnien und Hercegovina, Alija Izetbegović  ging. Aber in einem Punkt zeigte die CIA bereits Ende 1991 weise Voraussicht: die Sorge vor einem Eintritt islamischer Staaten und arabischen Dschihadisten in das bosnische Chaos.

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Sonntag, 24. September 2017

Moskaus genialer Schachzug könnte tausende Menschenleben retten

Seit Ausbruch des Krieges im Osten der Ukraine und der de-facto Abspaltung der selbsternannten Volksrepubliken von Donezk und Lugansk, wird ununterbrochen von Seiten der Medien und Politik behauptet, Russland sei an allem schuld. Russland habe Truppen entsandt, um sein Territorium zu vergrössern. Russland möchte zu alter imperialer Grösse gelangen. Russland will Europa spalten. Russland ist die grösste Bedrohung für die Demokratie in Europa. Russland muss das Abkommen von Minsk umsetzen. Und ganz nebenbei wurde Russland offiziell zum Feind der NATO, aber auch Deutschlands erklärt.

Das sind alles Bezeichnungen, die in enger Symbiose mit den Nachrichten in den Vereinigten Staaten von Amerika stehen. Deshalb war es auch nicht notwendig, nach US-Quellen für die oben genannten Bezeichnungen zu suchen, da man sie nahezu Eins zu Eins auch in den USA gefunden hätte. Wieso das so ist, hat die in der Schweiz ansässige Swiss Propaganda Research in ihrer Studie "Die Propaganda-Matrix" wunderschön dargestellt:




Man kann hier sehr gut erkennen, wie die Medienlandschaft Deutschlands und der Schweiz nicht nur innerhalb von wenigen Unternehmensgruppen gebündelt ist, sondern wie sie auch in Verbindung zu amerikanischen Institutionen, und dadurch auch indirekt zur US-Regierung stehen. Das hat nichts mit Verschwörung zu tun: es ist lediglich eine bildliche Darstellung einer höchst effektiven Organisation.

Gerade was Deutschland betrifft, so darf man die Ursprünge der deutschen Nachkriegszeitlichen Medienunternehmen nicht aus den Augen verlieren. Dazu heisst es weiter bei Swiss Propaganda Research:
"Die traditionellen Medien in (West-)Deutschland wurden nach dem Krieg in einem alliierten Lizenzverfahren gegründet und mit sorgfältig ausgewählten Verlegern und Chef­redakteuren besetzt – Strukturen, die sich über verwandtschaftliche und andere Beziehungen bis heute erhalten haben."

Der Grundstein für eine US-konforme Berichterstattung wurde also mit dem "alliierten Lizenzverfahren" gelegt, was nichts anderes bedeutet, als dass nur diejenigen eine Lizenz erhalten haben, die in ihrer Berichterstattung nicht aus der Reihe tanzten. Ein Blick auf die Unternehmensprinzipien der Axel Springer Mediengruppe, zu der sich jede(r) Journalist(in) bei Stellenantritt verpflichten muss, zeigt schnell, in welche Richtung die Meinungsbildung gehen soll. Als sich deswegen der Schweizer Bundespräsident Ueli Maurer beim Jahreskongress der Zeitungsverleger 2013 im idyllischen Interlaken über die "Gleichschaltung der Medien" beschwerte, wurde er von den anwesenden Medienvertretern ausgebuht und ausgepfiffen.

Es darf daher nicht überraschen, dass wir über den Krieg im Donbass so gut wie gar nichts hören. Und wenn dann zum Beispiel Golineh Atai, Korrespondentin beim deutschen Staatssender ARD, über den Krieg berichtet, wird man das Wort "Krieg", um die Situation zu beschreiben, nicht hören. Stattdessen ist es lediglich ein "Konflikt", während es in Syrien ein "Bürgerkrieg" ist, wie es in den Tagesthemen vom 10. Mai 2017 hiess. Interessant ist auch, wie Frau Atai die selbsternannten Volksrepubliken von Donezk und Lugansk nennt: besetztes Separatistengebiet.

Von wem genau das "Separatistengebiet" besetzt sein soll, liess die ARD-Moskau-Korrespondentin allerdings offen. Ebenso im Dunklen liess sie ihre Zuschauer über die Frage, wer denn die tatsächliche Kontrolle an jenem "Grenzverkehr zwischen ukrainischem Staatsgebiet, und dem besetzten Separatistengebiet" auf ukrainischer Seite ausübt. Es sind die nicht genannten Details, wie zum Beispiel die rot/schwarze Fahne an dem genannten Grenzübergang im Bericht, die dem gewünschten Narrativ widersprechen. Wenn Golineh Atai über ein "besetztes" Gebiet spricht, dann suggeriert sie damit, dass es eigentlich nur Russland sein kann. Deshalb will diese rot/schwarze Fahne auch überhaupt nicht ins Bild passen, gehört diese doch dem Nazismus nahestehendem Rechten Sektor. Was auf der einen Seite mit blosser Suggestion behauptet wird, wird auf der anderen Seite sofort mit der Tatsache entkräftet, dass Nazis den im Bericht genannten Grenzübergang kontrollieren.


Der letzte Satz von Golineh Atai ist hingegen äusserst brisant:
"Die Mehrheit der Ukrainer ist nach wie vor nicht bereit, einen Frieden umzusetzen, der ihnen nach Moskauer Bedingungen auferlegt wurde."
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Sonntag, 17. September 2017

Wohin mit den IS-Terroristen?

Das selbsternannte Kalifat des Islamischen Staates (IS, ISIS, Daesh) auf dem Territorium der Iraks und Syriens existiert nicht mehr. Natürlich gibt es noch einige wenige Gebiete, die unter IS-Kontrolle stehen. Aber das hat nichts mehr mit jenem Gebilde gemein, als die irakische Millionenstadt Mossul nahezu kampflos - und wie im Nachhinein bekannt wurde, auch absichtlich -  im Juni 2014 in die Hände der wahhabitischen Terroristen des IS fiel. Als sich Abu Bakr al-Baghdadi (sein richtiger Name ist Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri) zum Kalifen in der altehrwürdigen Al-Nuri Moschee in Mossul ernennen liess, schien der langersehnte Traum von tausenden Islamisten weltweit endlich in Erfüllung gegangen sein: die Wiederrichtung des islamischen Kalifats auf historischem Boden, wo es vor über 1300 Jahren seinen Anfang nahm.

Obwohl unter der Flagge des IS auch viele ehemalige säkulare Offiziere und Generäle der von den Amerikanern aufgelösten irakischen Armee kämpften, die zwar Sunniten sind, aber sonst mit dem religiösen Fanatismus nichts am Hut hatten, ist die treibende Kraft hinter dem "Phänomen" Islamischer Staat die Ideologie des aus dem Wüstenreich der Arabischen Halbinsel stammenden Wahhabismus. Ohne zu verstehen, was hinter dieser Ideologie steckt, kann man auch nicht verstehen, was die Ziele des IS sind und weshalb trotz all dem brutalen Blutvergiessen, die Unterstützung von Teilen der Bevölkerungen in den verschiedenen Ländern ungebrochen ist.

Die Ideologie des Wahhabismus geht davon aus, die einzig wahre Monotheistische Lehre zu sein, auch innerhalb des Islam. Alle anderen Religionen gelten als kufr (Unglaube) oder shirk (Polytheismus, Götzendienst), die es entweder auszumerzen oder dem wahren Glauben zuzuführen gilt. Und wie schon im 18./19./20. Jahrhundert, als der Wahhabismus in der arabischen Provinz Nadschd Fuss fasste und sich unter dem Klan der Al-Saud ausbreitete, um die Ungläubigen zum tauhid (Monotheismus) nach ihrer eigenen Lesart zu bekehren, agiert heute der sogenannte Islamische Staat. Es geht nicht so sehr um die Errichtung eines Staates, der nach dem Koran und der Scharia aufgebaut ist, sondern viel mehr darum, in einem ersten Schritt die vorwiegend muslimischen Länder aus ihrem Zustand - aus der Sicht der Wahhabiten - des kufr zu "befreien". Ist dieser Idealzustand des tauhid erst einmal erreicht, sollen auch die anderen Länder mit einer muslimischen Minderheit "befreit" werden. Dazu zählen insbesondere Länder wie Spanien (das ehemalige Al-Andalus), Frankreich, Belgien, Deutschland, Grossbritannien und die USA.

Abu Bakr Naji, ehemaliger Chefideologe von Al Kaida, der geistigen Vorgängerorganisation des IS, schrieb in seinem Buch "Das Management der Barbarei", wie die Dschihadisten ihren Dschihad auffassen:
"Unsere Schlacht ist eine Schlacht des Monotheismus gegen den Unglauben, Glaube gegen Polytheismus. Es ist keine wirtschaftliche, politische oder soziale Schlacht. 
Nach diesem "Handbuch des Dschihadismus", wie das Buch auch genannt wird, handelt auch der IS. Was aber viel wichtiger ist, es ist keine Neudefinition von Abu Bakr Naji gewesen, sondern stammt direkt aus den Ideen des Vaters des Wahhabismus, Mohammed Abd al-Wahhab. Es ist genau dieselbe Ideologie, die auch im modernen Saudi-Arabien als Staatsreligion verankert ist, und stellt deshalb eine unmittelbare Gefahr für das Herrscherhaus Al-Saud dar.

Die Frage stellt sich nun, wohin sollen die tausende Dschihadisten des IS gehen, nachdem sie ihr Gebiet in Syrien und im Irak so gut wie verloren haben? Ihre Herkunftsländer werden sie eher widerwillig als mit offenen Armen empfangen wollen, und von der potenziellen Gefahr für diese Länder gar nicht erst zu sprechen. Die Gefahr geht jedoch nicht nur von den Rückkehrern aus, deren Zahl sich je nach Land zwischen einigen hundert bis wenigen tausend bewegt, sondern auch von einheimischen Islamisten, die in Kontakt mit dem Gedankengut der Dschihadisten gekommen sind und diesen befürworten.

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Montag, 11. September 2017

Saudi-Arabien und die "modernen" Dschihadisten

Man darf sich nicht blenden lassen von Aussagen aus Riad, die man wieder vermehrt zu hören bekommt und für unsere Ohren nur allzu bekannt klingen: auch wir sind das Ziel des Terrors von Daesh (arabisches Akronym für den sogenannten Islamischen Staat oder ISIS). Obwohl diese Aussage korrekt ist, ist es dennoch nicht einmal die halbe Wahrheit. Ja, der mittlerweile als getötet geltende IS-Anführer und selbsternannter Kalif, Abu Bakr al-Baghdadi, drohte dem saudischen Königreich immer wieder mit Angriffen. Und in der Tat kam es in der Vergangenheit auch zu Terroranschlägen in Saudi-Arabien durch den IS, oder zuvor von Al Kaida.

Doch was die Sprecher, Prinzen und Könige von Saudi-Arabien nicht erwähnen, ist die Tatsache, dass sie selbst solche Gruppierungen wie den IS, Al Kaida und viele andere erst zu dem gemacht haben was sie sind. Durch direkte staatliche und nicht-staatliche Unterstützung in Form von Geld, Waffen, Logistik, Geheimdienstliche Informationen, Spenden und durch den Export des Wahhabismus, der saudischen extremen Staatsreligion, bereitete das Herrscherhaus Al-Saud erst den Boden für solche Dschihadistengruppierungen und ihren Anhängern. Hillary Clinton, die ehemalige US-Aussenministerin und First Lady, sagte denn auch während einer geschlossenen Veranstaltung im Jahr 2013:
"... die Saudis haben mehr als jeder andere Staat dieser Erde extreme Ideologie in den letzten 30 Jahren exportiert." 
Was im vermeintlich privaten Rahmen funktioniert, sieht bei offiziellen staatlichen Strukturen schon wieder ganz anders aus. So weigerte sich die britische Regierung, eine eigens dafür beauftragte Untersuchung zur Frage der Terrorfinanzierung zu veröffentlichen, in der die saudische Rolle womöglich zum Vorschein gekommen wäre.

Doch um zu verstehen, wieso insbesondere Saudi-Arabien und Katar so handeln wie sie handeln, nämlich die Unterstützung von Terroristen deren gemeinsamer Nenner der Dschihad und in den meisten Fällen auch noch der Wahhabismus ist, muss man sich zwei Dinge vor Augen führen: beide Petromonarchien folgen der extremen islamischen Form des Wahhabismus; und beide wollen einen Führungsanspruch in den islamischen Welt, des Darb ul-Islam, geltend machen. Während Saudi-Arabien die zwei heiligsten Plätze des Islam beherbergen, Mekka und Medina, und der Al-Saud Klan seinen Herrschaftsanspruch auf die Übereinkunft von 1744 mit Abdul Wahhab zurückführt, möchte Katar sich als Alternative für die saudischen Wahhabiten und Nicht-Wahhabiten gleichermassen präsentieren. Die Unterstützung des Terrors ist für beide Länder lediglich nur ein Mittel zum Zweck, um einerseits aussenpolitische Ziele zu erreichen, und andererseits aber diese extremen Kräfte beschäftigt zu halten.

Kein Ereignis spiegelt diese Gratwanderung besser dar, als die Besetzung der Grossen Moschee in Mekka im November 1979. Es war dieses Ereignis, das den Export des Wahhabismus und dem ihm zugrundeliegenden Extremismus wie kein Zweites angefeuert und zum heutigen "Islamistischen Terror" geführt hat. Deshalb lohnt es, diese wichtige Episode aus den Novembertagen des Jahres 1979 etwas gründlicher zu betrachten.

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Montag, 28. August 2017

Die Gefahr vor neuen "Tatarenstürmen"

Noch steht Syrien in der Wahrnehmung vieler Menschen und auf Konfliktkarten dieser Welt auf einem der vordersten Ränge. Nordkorea steht im aktuellen Fadenkreuz von Medien und Politik auf einem unrühmlichem ersten Rang, eingeleitet durch eine Eskalation der Worte (was erneut ein Beweis über die Macht des Wortes ist) zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und der nordkoreanischen Führung. Doch zwischen Rhetorik und Realität klafft eine enorme Lücke, die durch die Egomanie beider Präsidenten nur weiter vergrössert wird. In Wirklichkeit aber gibt es keine militärische Lösung für dieses politische Problem. Selbst wenn es einige Hitzköpfe auf beiden Seiten gibt, die einen Krieg nur mit allergrösster Freude befürworten würden, so überwiegt dennoch die Realisation in Washington, dass Nordkorea nicht Vietnam, Kambodscha, Afghanistan oder auch Grenada und Panama ist. Jeder, der sich die US-Agressionen der letzten Jahrzehnte anschaut, wird dabei feststellen, dass es sich bei den angegriffenen Ländern um hoffnungslos unterlegene Militärmächte gehandelt hat, die der US-Aggression mehr oder weniger schutzlos - insbesondere in punkto der überwältigenden Feuerkraft der Air Force - ausgeliefert waren.

Im Stillen jedoch, völlig unbeachtet von Medien und Politikern, regt sich ein neuer geografischer Krisen- und möglicher Kriegsschauplatz: Zentralasien.

In Syrien, aber auch im breiteren Mittleren Osten, haben die von Condoleezza Rice gefeierten "Geburtswehen" nicht das erträumte Kind auf die Welt gebracht. Zwar hat die ehemalige US-Aussenministerin Recht behalten, es ist in der Tat ein "neuer Mittleren Osten" seit ihren Worten von 2006 entstanden, nur eben nicht wie erhofft und geplant. Man wollte eine nach westlichem Vorbild installierte Demokratie in dieser wichtigen Region haben, mit Israel als Hegemonialmacht, der sich die "demokratisierten" Despoten Arabiens unterordnen würden und die Achse des Widerstandes zwischen Libanon und Iran zerschlagen wäre. Die US-Invasion des Iraks im März 2003 war nur der erste Schritt in diese Richtung.

Selbst als das erste Beiprodukt der amerikanischen Invasion und anschliessenden Besatzung des Iraks, der selbsternannte Islamische Staat, auf der Weltbühne auftauchte und dessen Implikationen von Anfang an klar waren, zogen es die USA mitsamt der europäischen Verbündeten vor, die Augen vor dem bestialischen Morden zu schliessen. Immerhin liessen sich so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: eine sehr gut bewaffnete wahhabitische Streitmacht würde es mit dem Projekt des Regimewechsels in Damaskus und gleichzeitig gegen die schiitischen Milizen aufnehmen, die aus dem Irak, Afghanistan und Libanon in die Wüsten Syriens und des Iraks strömten. Das entsetzliche Blutvergiessen führte schliesslich zum Eingreifen des Irans und der Hezbollah, die sich den wahhabitischen takfiri und damit auch ihren arabischen, aber auch westlichen Unterstützen in den Weg stellten. Vollends über den Haufen geworfen wurden die US-europäischen Pläne mit dem völlig überraschenden Blitzeintritt der russischen Streitkräfte in Syrien im September 2015.

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Freitag, 18. August 2017

Fakten zum Jahrestag des russisch-georgischen Krieges von 2008

Am 8. August jährt sich der Krieg zwischen Russland und Georgien zum neunten Mal. Es lohnt sich deshalb, einen Blick auf jenen Sommer 2008 zurück zu werfen, dessen Gründe und Konsequenzen selbst heute noch einen langen Schatten auf eine brodelnde Region werfen. Unsere westlichen Medien und Regierungen tragen eine Mitschuld an dieser Situation, da sie - von einigen sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - samt und sonders die offizielle Linie der damaligen georgischen Regierung von Mikhail Saakaschwili übernommen und anderslautende Berichte, wie zum Beispiel von OSZE-Beobachtern, absichtlich ignoriert haben.

Der Weg zum Kriegsausbruch am 8. August 2008

Georgien wird sehr gerne als ein homogener Staat porträtiert: einem Land mit einer christlichen Bevölkerung im Kaukasus, eingebettet zwischen einer russischen Übermacht im Norden, dem Schwarzen Meer im Westen, dem Kaspischen Meer im Osten und einer türkisch-muslimischen Übermacht (sunnitische Türkei und schiitisches Aserbaidschan) im Süden. Diese stark vereinfachte Darstellung Georgiens soll die westlichen Gemüter und Ideologen der "Demokratisierung und Menschenrechte" ansprechen, die sich in erster Linie für weisse Christen einsetzen. Und wenn sich dieser "Einsatz" noch gegen Russland richtet, wenn sich Moskau als angeblicher Aggressor darstellen lässt, umso besser.

Wie so oft, ist die Realität aber eine andere. Georgien ist nicht dieses Land mit einer homogenen christlichen Bevölkerung des kaukasischen Urtypus, sondern ein Land mit grossen armenischen, abchasischen (muslimisch-sunnitisch), ossetischen (überwiegend christlich aber iranischen Ursprungs), aserbaidschanischen (muslimisch-schiitisch), adscharischen (georgische Muslime) und weiteren kleineren Minderheiten. Der wohl berühmteste Georgier ist Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, besser bekannt als Josef Stalin, obwohl auch er gemischtes Blut in sich trug: sein Vater war Ossete, die Mutter Georgierin.

Es ist vermutlich auf Stalins Herkunft zurückzuführen, dass er trotz der brutalen und völlig willkürlichen Grenzziehung der zentralasiatischen und kaukasischen Republiken der Sowjetunion, ganz nach dem alten Motto von Teile und Herrsche, gerade den grossen Minderheiten in Georgien umfangreiche Autonomien zugestand. Das Volk der Osseten entzweiten die Bolschewiken aber bereits 1922, als sie sie in Nord-Osseten - mit der Hauptstadt Wladikawkas, das der russischen Republik zugesprochen wurde - und Süd-Osseten aufteilte, deren Gebiet mit der Hauptstadt Zchinwali der Republik Georgien zugeteilt wurde.

Diese Autonomien gerieten mit dem Aufflammen der georgischen Unabhängigkeitsbewegung Ende der 1980er Jahre, die durch die Politik von Perestroika und Glasnost des Kremlchefs Michail Gorbatschow begünstigt wurde, unter starken Druck. Deshalb rief die Autonome Republik Süd-Ossetien bereits am 20. September 1990 ihre Unabhängigkeit aus, ein gutes halbes Jahr vor der formellen Unabhängigkeitserklärung Georgiens von der Sowjetunion, die am 9. April 1991 erfolgte.

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Mittwoch, 2. August 2017

Intermarium 2.0: eine Mumie kehrt zurück

Intermarium, oder zwischen den Meeren, war ein Projekt des polnischen Diktators Jozef Pilsudski, der nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Deckmantel einer slawischen Konföderation von osteuropäischen Ländern, die alte Litauisch-Polnische Union wieder aufleben lassen wollte. Angefangen mit der damaligen Zweiten Polnischen Republik, Litauen, Weissrussland und Ukraine (allesamt Länder, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht die heutigen Grenzen innehatten oder gar nicht als unabhängige Länder existierten) und anschliessender Erweiterung um Rumänien, Jugoslawien, Tschechoslowakei, Finnland und den beiden anderen baltischen Staaten, sollte Intermarium von der Ostsee bis zum Adriatischen Meer reichen. Unter der Führung von Pilsudksi, hätte somit ein Länderblock gegen das Deutsche Reich und Sowjetunion errichtet werden sollen.

So beschrieb der SPIEGEL Jozef Pilsudski noch 1980:
"Sein Grunderlebnis bestand in seinem Hass gegen Russland. Wie Josef Stalin hatte er zu Anfang des Jahrhunderts russische Geldtransporte ausgeraubt. Und nicht zuletzt der Eigenmächtigkeit des sowjetischen Politkommissars Josef Stalin hatte er es zu verdanken, dass er, der militärische Autodidakt, nicht als Abenteurer unterging, sondern Marschall wurde."
Die Idee des Marschalls blieb allerdings das was es war, nur eine Idee. Doch wie es so oft mit Ideen ist, lassen sie sich nicht mit Waffengewalt besiegen. So überdauerte die Idee eines Intermarium nicht nur den Zweiten Weltkrieg, sondern auch den Kalten Krieg unter Dissidenten im Pariser Exil. Nach der Auflösung der Sowjetunion fand die Idee Eingang in der Planung für die so genannten Visegrad-Gruppe, einer mehr oder weniger formellen Zusammenarbeit zwischen Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn innerhalb der Europäischen Union.  Es sollte aber noch bis 2012 dauern, bis der Begriff Intermarium als ernstzunehmende Konzeption ironischerweise von der Europäischen Universität für Geiseswissenschaften in Vilnius/Litauen aufgegriffen wurde, einer aus Weissrussland exilierten und von der Europäischen Kommission sowie George Soros finanzierten Hochschule.

Ironischerweise deshalb, weil es bestimmt nicht im Sinne der Europäischen Kommission war, dass Intermarium wie schon am Anfang des 20. Jahrhunderts von Nationalisten und sogar Nazis als Gegenkonzept zur Europäischen Union übernommen wird. Es hätte vielleicht auch einhundert Jahre nach dem erstmaligen Vorschlag wieder in die Vergessenheit geraten können, wenn nicht verschiedene, auf den ersten Moment völlig voneinander losgelöste Ereignisse, sich ereignet hätten und in dieser Idee einen gemeinsamen Nenner fanden.

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Sonntag, 9. Juli 2017

Amerikas Zeichen des Verfalls

"Houston, wir haben ein Problem." Jeder kennt diesen Spruch von James Lovell, Kommandant der Apollo-13 Mission aus dem Jahr 1970, der in die Geschichte eingegangen ist. 47 Jahre später könnte man genauso gut "Washington, wir haben ein Problem" sagen, und es wäre in der Bedeutung dieses Satzes noch zutreffender. Wir haben im Weissen Haus einen Präsidenten, der hilflos versucht hat gegen den Strom zu rudern, und dem in rekordverdächtiger Zeit die Paddeln abgenommen wurden und seitdem bestenfalls geduldet wird. Von der eigenen Partei bereits im Wahlkampf als schwarzes Schaf gebrandmarkt, von der Opposition zutiefst verachtet, vom Geheimdienst und seinem Vizepräsidenten verraten und vom Militär gefürchtet, steht Präsident Donald Trump ziemlich allein in seinem eigenen Universum da. Selbst das Ausland - mit wenigen Ausnahmen wie Saudi-Arabien, Israel oder Grossbritannien - geht auf Abstand zum vermeintlich allmächtigen Amerika.

Die Hoffnungen auf eine Entspannungspolitik, die Trump während dem Wahlkampf im vergangenen Jahr geweckt hatte, wurden samt und sonders nicht erfüllt. Im Gegenteil, durch den als typisch amerikanisch geltenden "Jingoismus", verschärften sich die Spannungen zu einer ganzen Reihe von Ländern dramatisch. Das ist allerdings nicht nur das Resultat von Trump allein, sondern auch das Werk von seinen unerfahrenen Beratern und kriegslüsternen Generälen, denen er mehr oder weniger die Entscheidungsgewalt nicht nur in militärischen Belangen, sondern auch in politisch-strategischen Fragen übertragen hat. Das einzige Kabinettsmitglied, das einen klaren Bezug zur Realität hat, ist Aussenminister Rex Tillerson. Auch wenn es beim Thema "Iran" nicht wirklich danach aussieht, nachdem er vor dem Auswärtigen Ausschuss des Kongresses bestätigt hat, dass ein Regimewechsel in Teheran erklärtes Ziel der US-Aussenpolitik ist.  

Ganz irre - und wäre es nicht die stärkste Militärmacht der Welt, wäre es sogar eine Tragikkomödie - wird es, wenn man sich manche Aussagen von US-Senatoren anschaut, die mit einer Fülle an Macht ausgestattet sind, um die US-Politik nach eigenen Gutdünken beeinflussen zu können. Wie beispielsweise Dana Rohrabacher, der die IS-Anschläge in Teheran gut hiess und sogar eine Zusammenarbeit mit IS-Terroristen vorschlug. Seine Klarstellung nach den hohen Wellen, die seine Behauptung verständlicherweise geschlagen hat, trug allerdings nicht wirklich zur Beruhigung bei. Nikki Haley hingegen, die Samantha Power als amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen abgelöst hat, findet derweil nichts weiter Verwerfliches an dem "aussenpolitischen Wahnsinn" und bezeichnet das "diplomatische Chaos" als etwas Positives.

Würde eine Regierung und deren Vertreter von sagen wir Tuvalu (nichts gegen diesen Inselstaat, einfach nur als Vergleich) solch einen Unsinn daherreden, dann könnte man vielleicht sogar noch darüber lachen. Aber ganz sicher nicht bei den Vereinigten Staaten von Amerika, der eminenten militärischen Supermacht mit einem Verteidigungsetat von unglaublichen 824.7 Milliarden US-Dollar für das Jahr 2018. In diesem Fall darf man auf Regierungsebene nichts geringeres als absolute Professionalität im Umgang mit anderen Staaten erwarten, doch genau das Gegenteil ist der Fall. Ebenso wie grosse US-Medien, deren Aufgabe es sein sollte, ihrer Verantwortung als sogenannte Leitmedien nachzukommen, doch stattdessen zu reinsten Propagandaorganen und geradezu Kriegstrommlern verkommen sind. Wenn Präsident Trump Medienunternehmen wie CNN oder New York Times als Fake News beschimpft, hat er damit nicht ganz Unrecht.

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Deutschlands Pakt mit dem Teufel in Saudi-Arabien

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es getan. Dem schnöden Mammon wegen, ist sie bei ihrem letzten Besuch in Saudi-Arabien einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Nicht, dass das etwas Aussergewöhnliches wäre: immerhin befindet sie sich dabei in illustrer Gesellschaft mit ihrer Amtskollegin in London, oder dem als Retter der Europäischen Union hochstirilisierten französischen Präsidenten Emmanuel Macron, und von dem amerikanischen Präsidenten gar nicht erst zu sprechen.

Alles wird dem Big Business untergeordnet und stattdessen so getan, als ob Saudi-Arabien tatsächlich ein "Stabilitätsfaktor in der Region" ist, wie es etwa Regierungssprecher Steffen Seibert gerne bezeichnet und Kanzlerin Merkel selbst bestätigt, weil "gerade der Iran eine grosse Bedrohung ist", so Merkel weiter. Dass es der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) nicht ganz so rosig betrachtet wie die Regierung, ist natürlich ein Ärgernis und wurde deshalb sofort scharf attackiert. So heisst es aus der BND-Analyse zur saudischen Aggression im Jemen, Saudi-Arabien wolle beweisen, dass es bereit sei, beispiellose "militärische, finanzielle und politische Risiken einzugehen, um regionalpolitisch nicht ins Hintertreffen zu geraten". Der Chef des britischen Rüstungsgiganten BAE, welcher in dem wahhabitischen Königreich für die Bewaffnung der Tornado Kampfjets zuständig ist, sieht die ganze Sache naturgemäss etwas anders: 
"Die saudisch geführte Kampagne ist ein Akt der Selbstverteidigung gegen den Terrorismus. Sie (Saudi-Arabien) sind der nicht der Aggressor, sind sind der Verteidiger... sie verteidigen sich selbst."
So ähnlich hätte es auch aus der Feder von Steffen Seibert klingen können, der die Reise der Kanzlerin nach Saudi-Arabien dann doch in etwas blumigerer Sprache schönredete.

Es geht immerhin um handfeste Interessen. Dabei spielt es ganz offensichtlich keine Rolle, dass laut BND und Verfassungsschutz Saudi-Arabien und andere Scheichtümer auch in Deutschland die wahhabitische Lehre unter dem Sammelbegriff des Salafismus verbreiten. Korrekterweise heisst es dort, dass "keine konsequente Unterscheidung zwischen dem missionarischen und dschihadistischen Salafismus" festzustellen ist. Bereits vor drei Jahren hat eine Analyse für das Europäische Parlament ergeben, dass der Wahhabismus "eine Gefahr" für diejenigen Länder darstellt, wo Saudi-Arabien sogenannte Islamische Zentren, Madrassen oder Moscheen finanziert. Das Ziel ist überall das selbe: am Ende geht es um politischen Einfluss über diese Institutionen in den jeweiligen Ländern. Wie die meisten westlichen Regierungen, die sich Milliardengeschäfte mit den Saudis erhoffen, hält sich auch die deutsche Regierung auffällig bedeckt zur aktuellen Krise auf der Arabischen Halbinsel, wo ausgerechnet Riad dem kleinen Nachbar Katar vorwirft, den Terrorismus zu unterstützen. Dabei gab es auch dazu eine Untersuchung des Europaparlaments, welche zum Schluss kam, dass beide Länder - und dabei insbesondere wahhabitische Einrichtungen und die zugrundeliegende Ideologie - den Terror in Syrien, Libyen, Tunesien, Ägypten, Marokko, in der Sahelzone, Afghanistan, Pakistan, Indonesien und den Philippinen schüren und unterstützen. 

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Sonntag, 2. Juli 2017

Saudi-Zionistische Allianz

Was sich schon längere Zeit unter dem Radarschirm der westlichen Medien entwickelte, ist jetzt endgültig auf die Oberfläche der Nahöstlichen Realität hervorgekrochen: eine Allianz zwischen dem wahhabitischen Königreich Saudi Arabien und dem zionistischen Staat Israel. Zwei der reaktionärsten Staaten der Welt, üben den Schulterschluss gegen mindestens einen gemeinsamen Feind und gegen alle anderen, die dieser Doktrin im Wege stehen: die Islamische Republik Iran.

Die Bezeichnung "zionistischer Staat Israel" ist nicht zufällig gewählt oder abwertend gemeint, ganz und gar nicht. Der als Vater des Zionismus in die Geschichte eingegangene Theodor Herzl, ein österreichischer Journalist aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, schrieb 1895 sein historisches Monumentalwerk "Der Judenstaat". Es sollte ein Staat für die verfolgten Juden dieser Welt sein, eine Lösung für die sogenannte "Judenfrage", die Herzl folgendermassen beschrieb:
"Die Judenfrage besteht. Es wäre töricht, sie zu leugnen. Sie ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Kulturvölker auch heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten. Den grossmütigen Willen zeigten sie ja, als sie uns emanzipierten. Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeführt. Wir ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. Das ist wahr, muss wahr bleiben, überall, selbst in hochentwickelten Ländern - Beweis Frankreich -, solange die Judenfrage nicht politisch gelöst ist. Die armen Juden tragen jetzt den Antisemitismus nach England, sie haben ihn schon nach Amerika gebracht."
Was Theodor Herzl allerdings nicht im Sinne hatte, war die Schaffung eines Judenstaates, der durch Rassismus und Nationalismus erneut Antisemitismus in seiner neuen Umgebung hervorruft. Genau das ist aber mit dem Auftreten des Zionismus, dem jüdischen Nationalismus, geschehen. Und ebenso wie in anderen Ländern, wo eine nationalistische Bewegung den Anspruch erhob, für alle Bürgerinnen und Bürger des entsprechenden Landes zu sprechen, tut es auch der Zionismus im Namen des Weltjudentums. Nichts könnte aber weiter von der Realität entfernt sein, auch wenn sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu gerne als "Anführer der jüdischen Welt" sieht. Ob es Ultraorthodoxe, sogenannte Wahre Torah Juden, Neturei Karta oder sogenannte Reformjuden in Europa und Amerika sind, sie alle haben eines gemeinsam: der israelische Ministerpräsident ist nicht ihr Anführer und der Zionismus nicht ihre politische Gesinnung.

Der zionistische Staat Israel wird vom Israeli Democracy Institute wie folgt beschrieben:
"Ein zionistischer Staat ist viel ideologischer, als ein Jüdischer Staat. Es ist ein ideologischer Staat, der Grossprojekte initiiert, die Massen mobilisiert, und beachtliche Ressourcen zur Ausführung (dieser Projekte/Anm.) zur Verfügung stellt. ... Die Schaffung von Israel 1948 wird nicht als beendetes Projekt betrachtet, sondern eher als Sprungbrett zur Erreichung von höheren Missionen. Die zionistische Revolution dauert an. ... Es gibt keine all-inklusive bürgerliche "israelische Nation". Der Zionismus lehnt die Schaffung einer neuen Nation von Israelis ab, die aus Bürgern unabhängig ihrer ethnischen Herkunft und Religion besteht, wie es in den westlichen Demokratien der Fall ist. ... Eine weitere tragende Säule des zionistischen Staates ist die Siedlungspolitik. Es ist eine Politik der Besiedlung von allen Teilen des Staates durch Juden und alle Gebiete, die nicht durch Juden besiedelt sind, als "leer" zu betrachten, selbst wenn diese durch Araber (Palästinenser/Anm.) dicht bewohnt sind. Die Politik der Judaisierung wurde erfolgreich implementiert, indem hunderte von jüdischen Dörfern und Städte gegründet wurden, die die territoriale Kontiguität der Araber (Palästinenser/Anm.) in Galiläa, dem Dreieck (das Gebiet südlich von Afula bis Petach Tikva entlang der 1948er Grenze), dem Negev und sowie teilweise hinter der Grünen Linie, zusammenbrechen liess." 
Drastische Worte für den inneren Zustand Israels fand niemand geringeres als Präsident Reuven Rivlin selbst, als er 2014 die israelische Gesellschaft als "krank" bezeichnete und von einer "Epidemie der Gewalt" sprach. Auch der Menschenrechtsindex des US-Aussenministeriums spricht jedes Jahr aufs Neue von einer "institutioneller und gesellschaftlicher Diskriminierung gegen die arabischen Bürger von Israel, von denen sich viele selbst als Palästinenser identifizieren, insbesondere im Zugang zu gleichberechtigter Bildung, Unterkunft und Anstellungsmöglichkeiten; und institutionelle und gesellschaftliche Diskriminierung gegen äthiopische Israelis und Frauen." Sexuelle Nötigung und Gewalt gegenüber Frauen ist laut dem Index "weit verbreitet" in Israel. Doktor Ofer Cassif der Hebräischen Universität von Jerusalem ging sogar soweit, und verglich das heutige Israel mit Nazideutschland.

Trotz dieser negativen Eigenschaften und Zustände, wird Israel von Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Kanada und den USA geradezu als "Leuchtturm der Demokratie" verehrt. Dieser Leuchtturm leuchtet so stark, dass die deutsche Bundeswehr sogar 78 Besatzungen für Kampfdrohnen des Typs Heron-TP in Israel ausbilden lässt.

Saudi Arabien
Ein anderes Land, das von westlichen Regierungen und Medien gleichermassen zwar nicht als "Leuchtturm der Demokratie" gefeiert wird, aber dennoch gerne als "Insel der Stabilität" hervorgehoben wird, ist Saudi Arabien. Es gibt aber auch immer wieder Ausnahmen zu dieser ansonsten positiv gefärbten Sichtweise. Der schweizerische Tagesanzeiger bezeichnete die Petromonarchie mal als "Quelle aller Probleme", Cicero veröffentlichte ein Interview mit dem ehemaligen CIA-Agenten Robert Baer, der die Saudis als "geistiges Epizentrum des Terrors" nannte.

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Montag, 26. Juni 2017

Ukraine Krieg: 24 Stunden an der Donbass Front

Nach zähem Ringen war es dann endlich soweit. Der lang erwartete Anruf des Kommandeurs des 4. Spetsnaz Bataillons der Armee der selbstausgerufenen Volksrepublik von Donezk, erreichte uns am Montag Nachmittag. "Ihr könnt morgen kommen", sagte Kommandeur "Fomitsch" kurz und bündig, und gab gleich noch die Wunschliste von Waren auf, die sozusagen ein Tauschgeschäft und somit unsere Eintrittskarte in seine Welt darstellten. Fomitsch ist nicht sein richtiger Name, sondern sein nome de guerre, unter dem er weithin bekannt ist. Selbst sein Bataillon wird allgemein als "Bataillon Fomitsch" genannt, was seinen rund dreihundert treuen Soldaten lieber ist, als die offizielle Bezeichnung.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum Markt, um die Wunschliste des Kommandeurs abzuarbeiten: drei Kilogramm Schwarztee, fünfzehn Kilogramm Zucker, ein Kilogramm Instantkaffee für die "Nachtschicht" und acht Zigarettenstangen. Damit war der Kofferraum des Wagens zusammen mit der Schutzausrüstung für uns bis zum letzten Kubikzentimeter aufgefüllt. Auf dem Markt gab es alles, was auf so einen Markt gehört: frische Lebensmittel, lokales und ausländisches Gemüse, Früchte wie bei uns im Supermarkt, Kleidung und Elektronikartikel. Der Handel funktioniert offensichtlich einwandfrei in der Volksrepublik von Donezk.

Etwa eine halbe Stunde später taucht auch unser Begleitfahrzeug mit zwei Männern des Bataillons auf, die uns zum Hauptquartier und der zugewiesenen Einheit führen sollen. Auf der Schnellstrasse die aus der Stadt Donezk hinaus in die Richtung von Gorlovka führt, begegnen wir noch einigen anderen Fahrzeugen, die es mehr oder weniger eilig haben, von der Schnellstrasse wieder runterzukommen. Spätestens ab Jasinowata ist sowieso Schluss: ab dann gilt der Rest der Strecke als militärisches Sperrgebiet und wird auch entsprechend oft durch ukrainische Streitkräfte mit allen möglichen Waffengattungen bombardiert.

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Montag, 19. Juni 2017

Spaltung von Syrien erneut vorübergehend abgewendet

Eigentlich ist es tragisch, wenn man die Befreiung von Ost-Aleppo und die Entfernung von wahhabitischen Elementen aus der Stadt, als eine politische Niederlage für die US-angeführte Allianz in Syrien bezeichnen muss. Was normalerweise als Grund für Freudentaumel sein sollte, sorgte in Washington, London, Paris und Berlin für lange Gesichter. Von den vor Wut schäumenden Gesichtern in Riad, Abu Dhabi und Doha gar nicht erst zu sprechen.

Statt auf die sonst übliche US-Strategie (Gesichtswahrung und Verluste minimieren) nach solchen katastrophalen Fehlgriffen zurückzugreifen, konnte Präsident Barack Obama es nicht verhindern, dass ein selbstverständlich als "Fehler" bezeichneter Angriff auf Truppen der syrischen Armee am 17. September 2016 erfolgte. Dieser alles andere als ungewollte Angriff, setzte zum ersten Mal seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien im Jahr 2011, die syrische Armee direkt vor das Fadenkreuz der US Air Force. Mit der tief im kurdischen Gebiet gelegenen Rmeilan Air Base, die die dort stationierten amerikanischen Spezialeinheiten vor der syrischen und russischen Luftwaffe schützen sollte, und der im irakischen Mossul gestarteten Offensive gegen die Extremisten des selbsternannten Islamischen Staates (oder auch als ISIS/Daesh genannt), fiel der Startschuss zum erneuten Versuch der Teilung der Arabischen Republik Syrien.

Das strategische Imperativ hinter diesem Vorhaben schien darin zu liegen, das zuvor vom Islamischen Staat kontrollierte Gebiet, welches grösstenteils aus der syrischen Wüste im Osten des Landes bestand, als Pufferzone gegen den Iran beziehungsweise der schiitischen Hezbollah zu errichten. Rufen wir uns in Erinnerung, dass geheime US-Dokumente der DIA (Defence Intelligence Agency, der geheimdienstliche Arm des Pentagons / Anm.) aus dem Jahr 2012, genau das als wünschenswertes Ziel festhielt:
"Es gibt die Möglichkeit, ein deklariertes oder nicht deklariertes salafistisches Fürstentum im östlichen Syrien (Hasaka und Der Zor {sic!}) zu errichten, und das ist exakt das, was die unterstützenden Mächte der Opposition wollen, um das syrische Regime zu isolieren..."

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Iranische Terrororganisation MEK unter westlichen Fittichen

Washington ist seit Anfang des neuen Jahrtausends zum Schluss gekommen, dass die iranische Terrororganisation Mujahedeen e-Khalq (MEK) zu einem nützlichen Instrument gegen den Iran werden könnte. Diese Sicht hat sich insbesondere nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak gefestigt, obwohl die ersten amerikanischen Sondereinheiten die sich Camp Ashraf näherten, dem unter Saddam Hussein genehmigten Aufenthaltsort für MEK-Kämpfer und ihre Familien, auf erbitterten Widerstand der schwer bewaffneten "Flüchtlinge" stiessen. Im Zuge dieser Kämpfe wurden die MEK von einer Terrororganisation zu einem "enemy force", also Feind der Koalitionstruppen hochgestuft. 

Die Führung der MEK widerspricht dieser Darstellung, dass Kampfhandlungen zwischen ihnen und den US-Truppen stattgefunden haben sollen, doch in den Dokumenten des US-Militärs und der US-Special Forces wird dies ausdrücklich bestätigt. Die Spezialeinheiten mussten sogar einen Toten in ihren Reihen im Zuge dieser Kämpfe hinnehmen, was besonders bitter in der Welt der Eliteeinheiten ist.

Der Weg zum Terror

Die Mujahedeen e-Khalq (Heilige Krieger des Volkes, oder auch als Volksmujahedin bekannt) wurde 1964 als Freiheitsbewegung gegen den iranischen Herrscher, Shah Muhammad Reza Pahlavi, gegründet. Sie waren gegen die westliche Orientierung des Shah's und seines durch die USA geschulten und ausgerüsteten Sicherheitsapparates, des SAVAK, der für tausende tote und gefolterte Menschen verantwortlich war.

Als Hauptunterstützer des Shah's wurden die Vereinigten Staaten von Amerika ausgemacht. Den USA galt schliesslich die volle operationelle Aufmerksamkeit der Gruppierung, da aufgrund der äusserst effektiven Unterdrückung jeglicher Opposition, eine Konzentration auf das iranische Regime wohl das Aus für die MEK bedeutet hätte. 
1971 unternahm die MEK den ersten bekannten Versuch, einen Anschlag auf eine amerikanische Einrichtung auszuüben. Doch der geplante Mordanschlag auf den US-Botschafter in Teheran, Douglas McArthur, schlug fehl. Leider hatten insgesamt sechs weitere amerikanische Staatsbürger nicht das gleiche Glück wie der US-Botschafter: sie wurden in den Jahren 1973-1976 durch die Mujahedeen e-Khalq ermordet. Als Washington daraufhin den Druck auf den Shah erhöhte um endlich etwas gegen diese Terroristen zu unternehmen, richtete sich die Wut der "Volksmujahedin" gegen den Shah. Zusammen mit der immer grösser werdenden Anhängerschar des Ayatollah Ruhollah Chomeini, sorgten sie schliesslich für die Vertreibung des verhassten Shah Muhammad Reza Pahlavi im Jahr 1979. 

In den Wirren des post-Shah Irans, wurden die einstigen "Verbündeten" zu den erbittertsten Feinden und lieferten sich gnadenlose Strassenschlachten. Es waren schliesslich ausgerechnet Dokumente und Aufzeichnungen des SAVAK, die Chomeini den entscheidenden Vorteil lieferten, um die Hintergrundmänner und deren Anhänger der MEK ausfindig zu machen, und in den Untergrund zu vertreiben. Die Zeit der berüchtigten Terrorwelle der Mujahedeen e-Khalq im Iran begann allerdings mit der Absetzung des ersten Präsidenten 1981, Bani-Sadr, dem man Inkompetenz in der Verteidigung des Landes nach Saddam Husseins Angriff auf den Iran am 22. September 1980 vorwarf. 

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Dienstag, 13. Juni 2017

Merkel und ZDF verschweigen Krieg gegen Zivilisten im Donbass

"An kaum einem internationalen Krisenherd ist Deutschland stärker diplomatisch engagiert, als dem in der Ukraine", hiess in der Tagesschau am 20. Mai 2017. Und dass sich "Deutschland weiter um eine friedliche Lösung des Konflikts in der Ostukraine bemühen werde". Anlass für diese Meldung war der Besuch des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Deutschland auf Schloss Meseberg, wo die beiden Staatslenker zu einem erneuten Treffen zusammenkamen. In der gemeinsamen Pressekonferenz erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel:
"Wir sehen leider nach einer gewissen Beruhigung über die Osterzeit, doch wieder ein Ansteigen der Waffenstillstandverletzungen und deshalb wird unser Hauptschwerpunkt heute auch um die Frage gehen, wie können wir die Sicherheitssituation verbessern..."
Darauf folgte dieser Satz der ZDF-Reportage:
"Zerstörung und Tote durch pro-russische Separatisten, das sind die Nachrichten aus der Ukraine Woche für Woche, trotz der zwei Friedensabkommen von Minsk."
 Bereits bei dieser Definition der beiden Abkommen von Minsk, fängt das eigentliche Problem an. Es als "Friedensabkommen" zu bezeichnen, ist eine vollkommene Verdrehung der Tatsachen. Die beiden Abkommen von Minsk haben nicht etwa einen Frieden zum Zweck gehabt, sondern in allererster Linie einen Waffenstillstand zu erreichen und dann, aber erst dann, die Weichen für einen allfälligen Friedensprozess zu stellen. Die Abkommen regeln technische Belange, wie weit welche Waffen von der Kontaktlinie abzuziehen sind, wann die ukrainische Regierung Regionalwahlen in der Ostukraine zuzulassen hat, eine Verfassungsänderung in der Ukraine, solche Dinge hat man in Minsk ausgehandelt. Aber keinen Frieden.

Auch die Äusserung der Kanzlerin, es habe "eine gewisse Beruhigung über die Osterzeit" gegeben, oder dass die Bundesregierung "doch wieder ein Ansteigen der Waffenstillstandverletzungen" registriert, ist eine extreme Art der Tatsachenverdrehung. Die Frage ist, ob Angela Merkel tatsächlich davon überzeugt ist, was sie sagt, oder ob sie alle - und damit schliesslich auch sich selbst - zum Narren hält.

Insbesondere die Aussage des ZDF, dass "Zerstörung und Tote durch pro-russische Separatisten" die wöchentlichen Nachrichten aus der Ukraine wären, stösst nicht nur mir persönlich sehr sauer auf, sondern den vielen Menschen die ich während des Poroschenko-Besuches in Deutschland auf den Strassen von Donezk und den naheliegenden Dörfern gemacht habe. Ich habe ihnen alle die gleiche Frage gestellt, nach dem sie zuvor diese "Reportage" des ZDF gesehen haben: was würden Sie dem deutschen Volk oder der Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt sagen, wenn Sie könnten?

Dies sind ihre Geschichten. Geschichten von "Waffenstillstandverletzungen", von denen Frau Merkel entweder nichts weiss, oder sie nicht hören will...

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Montag, 15. Mai 2017

Kommt jetzt die ukrainische Alles oder Nichts Offensive?

Frankreich hat gewählt. Frankreich hat sich für Emmanuel Macron und für die Europäische Union entschieden. Das ist die offizielle Interpretation der französischen Präsidentschaftswahlen in Brüssel und Berlin und deshalb ein Grund, wieder einmal tief durchzuatmen und die Champagnerkorken knallen zu lassen. Auf den ersten Blick scheint die Freude auch berechtigt: Macron gewann die Wahl mit 66.06 Prozent der gültigen Stimmabgaben, während für Marine Le Pen demzufolge die restlichen 33.94 Prozent übrig blieben. Laut Frankfurter Allgemeine ist damit die "Krise Europas abgewendet". Er habe laut der Welt "im Alleingang ... die EU gerettet". Und aus dem Bundeskanzleramt heisst es, "die Entscheidung der französischen Wähler sei damit auch ein klares Bekenntnis zu Europa."

Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein, als diese lauten Seufzer der momentanen Erleichterung. Die französischen Wähler haben vieles anderes, aber ganz sicher kein "klares Bekenntnis zu Europa" abgegeben. Viel mehr haben sie eine deutliche und spürbare Botschaft an die Adresse von Brüssel und auch Berlin entsandt, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Von 47 Millionen Wahlberechtigten Franzosen, haben 5,4 Millionen (11.5 Prozent) einen ungültigen oder leeren Stimmzettel abgegeben und weitere knapp 12 Millionen (25.4 Prozent) Wahlberechtigte Franzosen sind lieber zu Hause geblieben, als über "Europa" abzustimmen. Das bedeutet, dass von 47 Millionen möglichen Stimmen, über 17 Millionen (36.9 Prozent) weder Macron, noch Le Pen wählen wollten. 

Von den übrig gebliebenen 29,657 Millionen Stimmen, gingen dann schliesslich etwas über zehn Millionen (33.94 Prozent) Stimmen an Marine Le Pen. Anders ausgedrückt wählten demzufolge nur 19,59 Millionen Wahlberechtigter Franzosen Emmanuel Macron, und davon mit Sicherheit nicht Wenige, die ihn als das kleinere Übel gegenüber Le Pen betrachteten und nicht wirklich mit seiner "Vision" für Frankreich übereinstimmen. Wie auch immer. Wie dann bei einer Unterstützung von nur 41.68 Prozent der französischen Wählerschaft für Macron von einem "klaren Bekenntnis" gesprochen werden kann, bleibt ein Rätsel. Dieses Rätsel wird noch grösser werden, wenn die Franzosen im Herbst wieder zur Wahlurne gerufen werden, dann für die Parlamentswahlen. 

Solche unbequemen Tatsachen spielen in Berlin und Brüssel aber sowieso eine eher ungeordnete Rolle. Man biegt sich die Realität schon so zurecht, wie es eben gerade gebraucht wird. Darin hat man ja auch schon viele Jahre Erfahrung. Hauptsache ist, dass aus deutscher Sicht Frankreich weiterhin hinter Deutschland und der in Schieflage stehenden Europäischen Union steht. Deshalb reist Emmanuel Macron auch zuerst nach Berlin, bevor er sich um seine Probleme zuhause kümmern wird. 

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Montag, 8. Mai 2017

Fake News schaden Reportern am meisten

Überall hört man heute etwas von sogenannten Fake News. Selbst in der Politik hat dieser Begriff Einzug gehalten, insbesondere seit der häufigen Verwendung durch den US-Präsidenten Donald Trump. Fake News wurde sogar zu einer "Bedrohung für die Demokratie" eingestuft, die es zu bekämpfen gilt. In Finnland soll dafür eigens ein "Abwehrzentrum", nebst den bereits bestehenden Zentren in Prag und Tallin und womöglich auch bald einem in Deutschland. Selbstverständlich kommt die hybride Bedrohung nur aus dem Osten, wo nicht nur die Sonne aufgeht, sondern gewaltiges Ungemach in Form von nicht greifbaren Ängsten droht. Fast so, als ob sich die Geschichte wiederholen und Cyber-Mongolenstürme unter dem modernen Dschingis Khan in Form von Wladimir Putin, die virtuelle Welt verwüsten und unsere Demokratie in die Knie zwingen würde. So ähnlich klingt das moderne Märchen, das nicht aus der Feder der Gebrüder Grimm stammt, sondern von Strategen des weniger glamurös klingenden Namen NCCDCE entwickelt wird.

Das aber mitten aus einem Bürohaus in Frankfurt unsere Demokratie tatsächlich bedroht wird, indem Software wie Hardware manipuliert und Nachrichten produziert werden, die später von Bild & Co aufgegriffen und als tatsächliche Fake News gezeigt werden, davon wird interessanterweise nirgendwo gewarnt. Es ist ein ähnliches Paradoxon, wie bei den sogenannten "Hasspostings", die je nach Bedarf ausgelegt und verfolgt werden.

Die Fake News verunsichern nicht nur Leserinnen und Leser, also die Konsumenten dieser angeblich neuartigen Bedrohung, sondern sie richten auch einen enormen Schaden für Reporter und damit nicht zuletzt auch wieder für die Leserinnen und Leser an.

Reporter leben von ihrem Namen, sprich Integrität. Je besser der Name eines Reporters, desto schneller und leichter kommt er oder sie an Quellen, Interviews und Zugang zu hochsensiblen Gebieten. Wird dieses Vertrauen aber ausgenutzt und missbraucht, verliert nicht nur der Reporter diesen Zugang zu verschiedenen Menschen, sondern es wirft einen langen und dunklen Schatten auf die gesamte Branche. Es zerbricht nicht nur das Vertrauen zu dieser einen Person, es zerbricht auch das Vertrauen in die Absicht der Medienunternehmen hinter diesen Personen.

Ein sehr gutes Beispiel ist der französische staatliche Sender France24 und dessen Reporterin und Filmemacherin Elena Volochine. Eigentlich könnten die Voraussetzungen bei Elena Volochine nicht besser sein. Ein abgeschlossenes Studium an der französischen Eliteuniversität Sorbonne; Tochter eines bekannten russischen Starviolinisten und Professors an der École Normale A. Cortot, Igor Volochine; Aber eben nur eigentlich.

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Montag, 24. April 2017

Syrien: Angela Merkel beteiligt sich am "obersten internationalen Verbrechen"

Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit, um die uns unsere Nachfahren aber wohl kaum beneiden werden. Wir sind nicht nur Zeugen, sondern gleichzeitig auch Täter, obwohl sich die Wenigsten von uns dessen überhaupt bewusst sind. Wir sind Täter, weil wir von wenig bis gar nichts tun, ausser bei Twitter & Co uns darüber aufzuregen, was wir sehen und als falsch empfinden. Tier- und Naturschutzorganisationen sind uns politisch Interessierten um Längen voraus. Durch ihren Aktionismus und ihre Standhaftigkeit schaffen sie es, private wie auch staatliche Projekte aufzuhalten oder gänzlich zu streichen, weil sich irgendein seltener Vogel, Frosch oder Käfer auf dem gewünschten Gebiet niedergelassen hat. Sie schaffen es, dass Brücken für Fledermäuse und Tunnel für Wanderkröten gebaut werden. Natürlich kann man sich im Nachhinein über Sinn oder Unsinn solcher Projekte streiten, aber Fakt ist, sie wurden aufgrund der Arbeit und Zähigkeit von Natur- und Tieraktivisten erst ermöglicht.

Nur in der Politik auf Regierungsebene, weder in der Innen- noch in der Aussenpolitik, scheint es diesen Bürgeraktivismus nicht zu geben. Selbst die traditionellen Stammtische sind vom Aussterben bedroht, wo noch bei einem Feierabendbier über das diskutiert wurde, was in der Politik schief läuft. Eine grosse Schuld daran tragen nicht zuletzt auch die Medien, die ihrer ursprünglichen Verantwortung häufig nicht mehr nachkommen: der Politik auf die Finger zu schauen und die Öffentlichkeit ohne politischen und kommerziellen Einfluss zu informieren. Daran ändert auch die Bundespressekonferenz nicht viel, die zwar als privater Verein von in Deutschland akkreditierten Journalisten ein Höchstmass von journalistischer Eigenverantwortung bietet und auch suggeriert, am Ende aber schliesslich doch nur diejenigen Journalisten tatsächlich an den dreimal in der Woche stattfindenden Veranstaltungen teilnehmen können, die vom Verein auch als Mitglied angenommen und zugelassen werden. Man kann sich gut vorstellen, dass die BPK-Vereinsführung sehr schnell den zu kritische Stimmen während den Pressekonferenzen die Mitgliedschaft wieder entzieht, wenn sich deswegen die Gäste, sprich Regierungssprecher und Minister, nicht mehr blicken lassen wollen. Man könnte auch von einer milden Art der Selbstzensur sprechen.

Das soll jetzt nicht heissen, es gäbe gar keine Kritik oder Protest von Seiten der Bürger. Nur ist sie weder national in irgendeiner Form organisiert, noch tritt sie durch Aktionismus zum Vorschein, um sich überhaupt Gehör bei der Regierung zu verschaffen. Das war zum Beispiel 1983 noch ganz anders, als "Millionen von Bundesbürgern" - nur in Westdeutschland wohlgemerkt - gegen die Stationierung von amerikanischen "Pershing-2"-Raketen protestiert haben. Diese Millionen von Menschen haben sich Gehör in Bonn und selbst im entfernten Washington verschafft. Davon sind wir heute nicht nur 34 Jahre, sondern Lichtjahre vom damaligen Geist jener Generation entfernt.

Denn anders kann man sich das völlige Desinteresse nicht erklären, angesichts der historischen Tragweite der Handlungen der gegenwärtigen Bundesregierung im Allgemeinen, und der Entscheidungen der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Besonderen. Man kann es sich nicht erklären, wie 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der danach entstandenen Welt-und Rechtsordnung nach den Nürnberger Prozessen von 1946, Bundeskanzlerin Merkel zusammen mit der britischen nicht-gewählten Premierministerin Theresa May, in einem einzigen Telefonat mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, diese Errungenschaften über Bord geworfen haben. Merkel und May haben die Lehren der Nürnberger Prozesse und das Blut von Millionen von Menschen verraten, die ihr Leben lassen mussten, damit diese Lehren in Nürnberg überhaupt erst gezogen werden konnten. Die Lehre von Aggressionskriegen, wie sie Nazideutschland in Europa durchgeführt hatte.

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Montag, 17. April 2017

Zeuge von Kriegsverbrechen der ukrainischen Armee

Als meine Familie und Freunde die Bilder aus Donezk sahen, die ich Ende März gemacht habe, waren sie total überrascht. Überrascht, weil sie solche Bilder nicht in der Tagesschau, Tagesthemen oder n-tv gesehen haben, wo sie üblicherweise ihre Informationen über das Weltgeschehen einholen. Überrascht auch deshalb, weil sie nun mit eigenen Augen und Ohren sehen und hören konnten, dass im Osten des modernen Staates Ukraine, im Donbass, richtiger Krieg herrscht. Es führte mir einmal mehr vor Augen, wie effektiv doch die Propaganda hierzulande arbeitet. Wenn überhaupt in den Nachrichten über diesen Konflikt gesprochen wurde, dann stets unter dem Titel von "Ukrainekrise" oder "Ukrainekonflikt". Von einem Krieg ist so gut wie nie die Rede.

Und wer sich dann vielleicht doch noch eine Sendung des SPIEGELs, ARD-Auslandsthemen oder dergleichen angeschaut hat, der hat dann doch begriffen, dass im Donbass Krieg herrscht. Aber die Sichtweise war dann verzerrt, weil sie aus der Sicht von der "Nationalgarde" der Ukraine beispielsweise spricht, die aber nichts anderes als der staatliche Mantel über dem neonazistischen Asow-Batallion ist. Und aus dieser Sicht führt die Ukraine keinen Krieg, sondern eine seit nunmehr drei Jahren andauernde "Antiterror-Operation", kurz ATO, gegen Terroristen aus. Jeder gilt als Terrorist, der sich in irgendeiner Art und Weise für die selbstausgerufenen Volksrepubliken von Donezk und Lugansk ausspricht oder sie unterstützt. Und um in diesem Narrativ zu bleiben: diese Terroristen werden natürlich direkt von Russland unterstützt, das die Ukraine besetzt hält.

Mit anderen Worten verteidigte sich die Ukraine in den Augen meiner Familie und Freunde (und Millionen anderen!) lediglich gegen Terroristen - oder Rebellen, klang besser -, die von den bösen Russen missbraucht werden, weil ja der böse Putin die europäische Demokratie stürzen will. Es ist Polemik, ich weiss. Aber genauso sieht die Meinung aus, wenn man die sprachlichen Etiketten und Nettigkeiten abstreift. Nazis in der Ukraine? Ach hör doch auf... Die ukrainische Armee führt einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung im Donbass? Russische Propaganda...

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Die wahren Helden des Krieges im Donbass

Jeder Krieg bringt seine eigenen Mythen und Helden hervor. Es ist ein wichtiger Prozess in der psychologischen Bewältigung der Schrecken, die ein Krieg unweigerlich mit sich bringt. Zerstörte Häuser und Verwundete oder Tote zu sehen, ist eine Sache die man visuell wahrnimmt und sich manchmal unauslöschlich in die Erinnerung einbrennt. Die Stunden die man in dunklen und oft modrigen Kellern, Badezimmern oder sogar Kleiderschränken verbringt, während draussen die Erde durch die Einschläge von Bomben, grosskalibrigen Granaten und Raketen erzittert, dringen tiefer in unsere Psyche ein. Ein banales Missgeschick mit einem Wasserglas, das auf dem Boden in tausend Teile zersplittert, lässt einen immer wieder diese dramatischen Stunden des bangen Wartens durchleben, indem das Gedächtnis automatisch die Verbindung zu dem wenige Sekunden andauernden Geräusch herstellt, als sämtliche Fensterscheiben der Wohnung oder des Hauses durch die Druckwelle der Explosion zerborsten sind.

Solche Erfahrungen erzeugen natürlich Emotionen wie Angst, Trauer, Wut oder blanken Hass auf diejenigen, die man für diese schrecklichen Erfahrungen für verantwortlich hält. Helden helfen jedoch etwas in dieser Situation aus, in dem sie trotz des allgemeinen Unglücks, welches der Krieg über die Menschen bringt, auch für positive Gefühle sorgen können. Sie geben den unbeteiligten Zivilisten Mut, Zuversicht und nicht selten Stolz, dem Krieg zu trotzen und dem Terror die Stirn zu bieten. Wenn der Krieg seine eigentliche Wirkung verliert, wenn es der angreifenden Seite nicht gelingt, innerhalb eines gewissen Zeitraumes so viel Angst und Schrecken - also Terror - zu verbreiten, dass die Menschen panisch fliehen und das Territorium möglichst kampflos überlassen, dann wendet sich der technologische Vorteil in einen psychologischen Nachteil. Deswegen erfüllen Helden eine wichtige Aufgabe in jedem Krieg. Deswegen entstehen Mythen, die gepaart mit realen Begebenheiten, stärker als Waffen sind und schliesslich die Zeit überdauern.

Was oder wen man aber als Helden ausmacht, wie man einen Helden definiert, steht nirgendwo geschrieben. Sehr oft sind es militärische Führer, die sich durch besonderen Mut, strategisches Geschick oder einfach nur pures Glück im Gefecht auszeichnen. Nicht anders ist es im Donbass, in den selbsternannten Volksrepubliken von Lugansk und Donezk. Dort sind es jene Kommandeure und Kämpfer, die sich nach den ersten Angriffen (die 48 Stunden nach dem geheimen "Besuch" des damaligen CIA Direktors John Brennan in Kiew als "Anti-Terror-Operation (ATO)" begonnen haben) der ukrainischen Armee - und insbesondere der nationalistischen und faschistischen "Freiwilligenverbände" - , auf die eigene Bevölkerung im April 2014, der Offensive entgegengestemmt haben.

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Sonntag, 9. April 2017

Angeblicher Giftgasangriff in Syrien dient als Sprungbrett

Um 6:30 Uhr Ortszeit, einem Dienstag Morgen (4. April 2017), flog die syrische Luftwaffe mit einer Su-22 einen Angriff auf eine Raketenproduktionsstätte in der Ortschaft Khan Sheikhoun in der Idlib-Provinz, das unter der Kontrolle von Jabhat al-Nusra steht. Um die Mittagszeit Mitteleuropäischer Zeit, begannen Nachrichtensender und Radiosendungen von einem mutmasslichen Giftgasangriff in Syrien zu sprechen, zu diesem Zeitpunkt noch mit der Bemerkung, dass "die einzige Quelle die Syrische Observation für Menschenrechte ist, deren Behauptungen aber mit Vorsicht zu geniessen sind". Im Verlauf des Nachmittags änderte sich die Sprache der Berichterstattung zu diesem Vorfall: von einer neutral gehaltenen Information, wurde es eine bestimmende Anklage gegen die Regierung von Präsident Bashar al-Assad und sogar selbst gegen Russland und den Iran.

Nur wenige Stunden nach dem Luftangriff in Khan Sheikhoun, bezichtigte die EU Hochkommissarin Federica Mogherini Präsident Assad als "Hauptverantwortlichen", weil die Regierung die Verantwortung dafür trägt, "das Volk zu beschützen und nicht anzugreifen". Einen Tag später eröffnete sie in Brüssel die Syrien Konferenz, wo sie vor den anwesenden arabischen Aussenministern und Prinzen erklärte, dass die "EU alles tut, um den Menschen in Syrien zu helfen" und um "mit der Verteilung von humanitärer Hilfe zu beginnen". Kein Wort davon, dass Russland bisher als einziges Land hunderte Tonnen von Hilfsgütern in Syrien verteilte, und zwar ohne Unterschied ob es sich um "Rebellengebiete" oder unter der Kontrolle der Regierung stehende Gebiete handelte. 

Nun gibt es vielleicht eine wichtige Hintergrundinformation zum Ort des Geschehens. Khan Sheikhoun ist nicht nur irgendeine Ortschaft in der "Rebellenprovinz" Idlib, sondern es ist eines der extremsten Plätze in der Provinz, wo der Al Qaida Ableger Jabhat al-Nusra ihr Unwesen treibt. Im Februar war es Schauplatz von äusserst blutigen Gefechten zwischen Jabhat al-Nusra und Liwa al-Aqsa, wo die Letztere rund 200 Kämpfer von Jabhat al-Nusra massakriert und sich danach dem sogenannten Islamischen Staat weiter im Osten angeschlossen hat. Und laut der UN-Resolution 2254 vom 18. Dezember 2015 ist es das ausdrückliche Ziel des UN-Sicherheitsrates, die "Rückzugsorte von ISIS, der Al-Nusra Front und allen anderen Individuen, Gruppen, Unternehmen und Entitäten, die mit Al Qaida oder ISIS assoziiert sind, auszumerzen". Khan Sheikhoun ist genau so ein Rückzugsort und deshalb ein absolut legitimes Ziel der syrischen (und deren Verbündeten) Luftwaffe.

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Reise in den Donbass

Vor ziemlich genau zwei Jahren war ich das letzte Mal im Donbass. Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten schweren Kämpfe und Schlachten des Jahres 2014 geschlagen. Namen wie Saur-Mogila, Illowaisk oder der Flughafen Donetsk wurden zum Inbegriff eines Krieges, den die Menschen im Donbass nicht haben wollten. Damals wie heute erzählten mir die Menschen, dass sie nicht verstehen können, wieso überhaupt so ein Krieg ausgebrochen ist und es ihnen weh tut zu beobachten, wie sich nun Brüder im Kampf gegenüberstehen. Die Wenigsten hegten einen Groll gegenüber den Soldaten der Ukrainischen Armee, sie führen ja lediglich Befehle aus, sagen sie. Dieses Gefühl, das man durchaus als Mitleid bezeichnen könnte, gilt nicht für die "Nazis", die "Radikalen" und ausländischen Söldner. Sie wären es, die diesen Krieg auf der ukrainischen Seite haben wollen.

Den Donbass erreicht man entweder über die ukrainische Seite, oder über Russland. Da mir der Weg über die Ukraine zu riskant erschien, nachdem wie viele andere Kollegen auch ich in den Genuss der zweifelhaften Ehre gekommen bin, auf der Schwarzen Liste der berüchtigten ukrainischen "Myrotvorets"-Seite zu landen, blieb nur noch der Weg über Russland übrig. Der einfachste Weg ist da natürlich per Flugzeug. Von Moskau über Rostov am Don, ist der Weg bis zur Grenze nicht mehr weit.

In Moskau angekommen, erwartete ich eine Megacity vorzufinden, die laut unseren Medien zumindest Anzeichen der "Isolation" und dem Sanktionsregime der Europäischen Union und USA zeigen sollte. Hatte nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits am 20. März 2014 gesagt, dass sie "Russland weitgehend isoliert" sieht? Und haben wir nicht bis an die Grenze der Zumutbarkeit Geschichten gehört, wie die Menschen in Russland nur russische Propaganda schauen können?

Von alledem habe ich nichts erlebt. Im Gegenteil. Die Supermärkte führten alles, von deutschen Nudeln, über schweizer Appenzellerkäse bis zu spanischen Tomaten, die Regale waren voll mit russischen und ausländischen Produkten.


Eigene Bilder aus Moskau vom 20. März 2017

Auch das so leidenschaftlich diskutierte Thema um Propaganda und dem Vorwurf, dass die Russen nur russisches Fernsehen schauen können, kann ich nur sagen: eine glatte Lüge! Egal ob RTL2, ZDF, oder CNN und SkyNews, alles ist da und kann empfangen werden. Dass sich jetzt die wenigsten Russen für den Tatort im ZDF oder die Wollnys auf RTL2 interessieren, und von Ich bin ein Star - Holt mich raus! gar nicht erst zu sprechen, sollte normalerweise niemanden überraschen. Davon aber den Vorwurf zu konstruieren, in Russland gäbe es nur Propaganda, ist einfach nur hinterhältig und hat nichts mit Journalismus zu tun.

Jetzt könnte man argumentieren, na ja, es ist Moskau...  Einverstanden. Dass es in Moskau Dinge und Produkte gibt, die es irgendwo in Sibirien oder weit auf dem Land nicht gibt, sollte allen einleuchten. Genauso wie es in Berlin oder Hamburg Dinge gibt, von denen die Menschen in Theisenbläsishof im Schwarzwald oder Helsdorf in Sachsen weder gesehen, noch gehört haben. Das liegt in der Natur der Sache und macht den Unterschied zwischen Grossstadt und Landleben aus.

Ein wichtiger Indikator für jedes unter einem Sanktionsregime stehende Land ist die Infrastruktur. Ohne Geld, Baumaterialen und Maschinen, kann es normalerweise auch keine Modernisierung oder Bau von neuen Gebäuden, Strassen oder Brücken kommen. In Rostov am Don aber, knappe 1100 Kilometer von Moskau entfernt, verändert sich das Stadtbild enorm. Natürlich gibt es die alten Quartiere aus der Sowjetzeit, Häuser aus der Zarenzeit und hässliche Plattenbauten, die kann man nicht nicht von heute auf morgen von der Bildfläche tilgen. Aber es werden Millionen von Rubel in neue, nach westlichem Massstab moderne Quartiere hochgezogen, um Platz für die nächsten Generationen zu schaffen. Ob diese neuen Quartiere tatsächlich einladender sind, muss natürlich jeder selbst für sich entscheiden. Zumindest ist der Ausbaustandard deutlich höher.


Eigene Bilder vom 21. März 2017 aus Rostov am Don

Der Weg in den Donbass führt aus Rostov am Don zuerst entlang dem Azowschen Meer, entweder in Richtung Mariupol oder östlich in Richtung Donezk. Da um Mariupol heftige Kämpfe toben und die Strasse von dort nach Donezk, meinem Reiseziel, nicht sicher war, haben wir die östliche Route genommen. An der Grenze angekommen, wartete bereits die nächste Überraschung: ein Fahrzeug aus Polen vor uns!



Als ich etwas ungläubig zu diesem silbrigen Opel Omega schaue und "Polska" herausbringe, lacht Oleg, mein Fahrer, nur. Da da, sagt er, es gibt jede Menge Polen im Donbass. Auf beiden Seiten der Kontaktlinie. Später werde ich noch viele weitere Fahrzeuge mit EU-Kennzeichen sehen, aus Litauen, Lettland, Belgien und sogar Deutschland.

Nach der Grenze sind es eigentlich nur noch 80 Kilometer bis nach Donezk. Doch für diese Strecke, benötigen wir fast dreimal so viel Zeit, wie von Rostov an die Grenze. Der Grund ist die schlechte Strasse, die sich an Illowaisk und Makeewka vorbei nach Donezk schlängelt. Keine Wartung, Krieg und Kälte haben dem Strassenbelag enorm zugesetzt: Löcher, so gross wie kleine Teiche, spannen sich manchmal von einer auf die anderen Strassenseite, so dass die Fahrzeuge teilweise auf Felder ausweichen müssen, um an ihnen vorbeizukommen. Gerade bei Regen sind diese Löcher richtiggehende Fallen für Autos und ihre Fahrer.

Es ist schon später Abend als wir in Donezk ankommen. Eigentlich war geplant, dass ich an diesem Tag wenigstens die Akkreditierung abholen kann, um dann die restlichen Tage zur vollen Nutzung zur Verfügung zu haben. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sich Pläne plötzlich ändern und dann schnell eine Alternative hermusste. Doch an Schlaf war in der ersten Nacht nicht zu denken. Obwohl mir der Klang des Krieges alles andere als neu oder fremd ist, braucht man dennoch etwas "Eingewöhnungszeit", um in der Nacht nicht auf das Donnern der Artillerie zu hören.

Der erste halbe Tag in Donezk zeigt bereits die ersten Unterschiede zu meinem letzten Besuch im April 2015. Damals waren die Eingänge von Regierungsgebäuden mit schwerbewaffneten Soldaten versehen, die nervös jeden Fremden beäugten. Ein falscher Blick bloss, so dachte ich damals, und die Hölle bricht aus. Von dieser nervösen Anspannung war diesesmal nichts mehr zu spüren. Natürlich sind die Eingänge nach wie vor mit Soldaten versehen, nur trugen sie keine volle Kampfmontur mehr, und tauschten die Patronengürtel gegen Bleistifte und Kugelschreiber aus. Die Kalaschnikow, inklusive deutschem Schäferhund, aber immer griffbereit. Für alle Fälle. Während es vor zwei Jahren genügte, einen Anruf beim Minister oder der Ministerin zu tätigen, um an den schwerbewaffneten Soldaten vorbeizukommen, muss man sich heute in diverse Listen eintragen. Die Bürokratie hat Einzug gehalten. Vom damaligen Revolutionsfieber ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Anschliessend fahren ich, meine junge Übersetzerin Svetlana und mein Fahrer Alexej, zum Kievsky Distrikt, dem Stadtteil direkt hinter der für die EURO 2008 erbauten hochmodernen Donbass Arena. Es ist ein rein ziviles Stadtgebiet, ohne jegliche militärische Installationen oder Stellungen. Und dennoch wird der Kievsky Distrikt immer wieder Ziel von schwerem Artilleriefeuer der Ukrainischen Streitkräfte. Dort, in einem ziemlich ramponierten Wohnquartier, wo Wohnblöcke erhebliche Beschädigungen erlitten haben und die kleine Einfamilienhaussiedlung die Strasse runter völlig zerstört ist, treffen wir zwei ältere Damen. Etwas ungläubig schauen sie Alexej an, als er sie in meinem Namen für ein Interview bittet und ihnen sagt, dass ich aus Deutschland gekommen bin. Schliesslich willigen sie ein und entspannen sich sogar etwas, als sie die hübsche Svetlana an unserer Seite bemerkten.



Mit 86 Jahren ist die babuschka rechts im Bild die Älteste im Quartier, sagt mir die Dame mit der roten Mütze. Im gesamten Quartier würden von insgesamt etwa 120 Menschen, nur noch 20 hier leben. Die meisten von ihnen sind ältere Menschen, die entweder zu alt zum flüchten waren, niemanden haben wo sie hingehen konnten, oder ihren Verwandten nicht zur Last fallen wollten. Die 59-jährige Tochter der Frau im braunen Mantel starb Ende 2014 bei einem Angriff auf dieses Quartier. Bei der Erwähnung dieses tragischen Vorfalls, bricht die Quartierälteste in Tränen aus. Sie habe zwar einen Sohn, der jeden Tag nach ihr schaut und sie so gut es geht unterstützt, aber in der Wohnung ist sie eben allein. Wenn die Angriffe Abends beginnen und oft bis weit in die Nacht hinein dauern, sitzt sie im Bad und betet. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Nachbarn, die ebenso der Dinge harren wie sie selbst. Und sie betet sogar für die Seelen derjenigen, die ihnen das hier alles antun, schluchzt sie. "Der zweite Weltkrieg war besser, da wussten wir wenigstens, wofür wir kämpfen und sterben." Der einzige Lichtblick im Quartier wäre Elena, ein sechs Monate junges Mädchen der einzigen jungen Familie hier, sagt sie.


Solche Geschichten wie die der zwei netten Damen, gibt es leider zu tausenden in den selbsternannten Volksrepubliken von Donezk und Lugansk. Jede einzelne von ihnen würde es verdienen, hier erzählt zu werden. Genauso wie die Geschichten auf der anderen Seite der Kontaktlinie, in der Ukraine. Während ich aber wenigstens diese Menschen hier treffen durfte, werden genau die selben Gespräche mit der Bevölkerung von einigen in Kiew als Bedrohung empfunden. Glücklicherweise konnte ich einem Treffen von zwei 29-jährigen ehemaligen Schulkameraden beiwohnen, das für einen Aussenstehenden wie mich, völlig surreal erschien.

Surreal deshalb, weil sie sich eben wie zwei ehemalige Schulkameraden begrüssten, umarmten und küssten, während im Hintergrund auf beiden Seiten Scharfschützen postiert waren. Beide Männer befehligen eine Einheit, der eine auf der Seite der Ukrainischen Armee, der andere auf der Seite der "Armee der Volksrepublik Donezk" (DPR-Army). Weder Fotos, Namen oder Standort dieses Treffens durfte ich in irgendeiner Art und Weise dokumentieren. Zu gefährlich ist dieses informelle Treffen, was die Präsenz der Scharfschützen mehr als deutlich macht. Sie sprachen über ihre Kindheit, Schulzeit, gemeinsame Freunde und Familie, die auf beiden Seiten der Frontlinie leben. Sie sprachen über diesen Krieg, wie nutzlos er doch eigentlich ist. Daraufhin merkt der DPR-Mann aber an, dass er solange diesen Krieg führen wird und führen muss, wie er seine Heimat verteidigen muss. Zu meinem grössten Erstaunen widersprach ihm der Freund in der Ukrainischen Armee nicht. Im Gegenteil. Halb scherzhaft, halb im ernst erwiderte er, dass "wir doch am besten alle unsere Waffen ruhen lassen und gemeinsam nach Kiew gehen, um das Problem dort an einem Tisch zu lösen." Nach wenigen Augenblicken der Stille, die für mich wie eine halbe Ewigkeiten vorkamen und ich etwas besorgt in Richtung der Scharfschützen auf beiden Seiten blickte, brach er die Stille mit dem Abschluss, der sich mir vermutlich unauslöschlich eingebrannt hat:
"Nur glaube ich nicht, dass wir (Anm. die Ukrainer) unser Schicksal selbst bestimmen können."
Dieses Treffen der beiden Kommandeure, hatte etwas von früheren Kriegen an sich, als sich die Gegner auf offenem Feld gegenüberstanden und die Heerführer sich in der Mitte trafen, um die letzten Bedingungen für eine etwaige Kapitulation auszuloten. Nur ging es hier nicht um Kapitulation in irgendeinem Hollywood-Streifen, sondern um die brutale Realität im Donbass. Wo Familien, Freunde und Sportkameraden gezwungen wurden, zwischen ihnen und dem Land zu wählen, wo ihre Vorfahren begraben sind. Es sind herzzerreissende Momente und Geschichten, die unvorstellbar quälende Fragen nach sich ziehen, wie jene die ich immer wieder gehört habe. Die Frage nach dem Warum, warum Krieg herrscht, warum der Bruder, der Vater oder Sohn die Waffen auf den jeweils anderen richtet, wird ihnen niemand beantworten können. Natürlich kennen sie die politische Ursache, aber diese Erklärung reicht für die klaffende Wunde im Herzen nicht aus.

Ich habe nach jedem Gespräch, das ich mit zufällig getroffenen Menschen auf der Strasse oder vor ihren Wohnungen und Häusern sitzend getroffen habe, immer wieder die gleiche Frage gestellt: wie sehen Sie die Zukunft hier? Über die Zukunft ihrer Donezker Volksrepublik gab es keine einstimmigen Antworten, manche sahen optimistisch in die Zukunft, manche eher mit Sorge. Aber ausnahmslos alle waren sich darüber einig, dass es kein Zurück mehr geben kann. Kein Zurück mehr zur Ukraine, zu jenem mittlerweile verhassten Kiew, das zum Synonym für das ganze Blutvergiessen und Leid das sie ertragen müssen, geworden ist.

Der grösste Unterschied zwischen meinem Besuch von 2015 und 2017 ist aber die Atmosphäre der Stadt Donezk. Damals war mehr als die Hälfte der Bevölkerung vor dem Ansturm der ukrainischen Truppen geflohen, und die Energie der Stadt war alles andere als einladend. Doch jetzt, während der ersten schönen Frühlingstage im Jahr 2017, blüht die Stadt wieder. Der Marktplatz ist voll mit verschiedensten Lebensmitteln, Gemüse, Früchte, Spielzeug und vielem mehr. Grosse Supermarkets und kleine Mini Markets haben überall geöffnet, genauso wie die Shopping Malls. Kinder spielen auf Spielplätzen oder in den Innenhöfen der Quartiere, Jogger geniessen die Frühlingssonne entlang dem Kalmius-Fluss, an dessen Ufern sich Jung und Alt versammelt hat, junge Familien schlendern mit Kinderwagen durch die Parks und Hundebesitzer gehen mit ihren Vierbeinern spazieren. Donezk ist eine sehr schöne Stadt mit einer bewegten Geschichte, die wieder zurück ins Leben gefunden hat. Diese positive Energie spiegelt sich auch in den Gesichtern der Menschen wieder, gerade bei der jüngeren Generation, in deren Händen die Zukunft der Stadt liegt.






Dass es nicht zum völligen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens in Donezk und der sogenannten Volksrepublik Donezk gekommen ist, liegt nicht zuletzt auch an der humanitären Hilfe die monatlich eintrifft. Noch sind solche Dinge wie Schulbücher, Hefte, Schreibutensilien für Schulkinder, Schulmobiliar, oder Windeln für Babies und Senioren die an Inkontinenz leiden, extreme Mangelware. Die Preise für diese für uns eigentlich völlig normalen Dinge sind insbesondere für die Senioren, wie sie liebevoll von den jüngeren Bewohnern von Donetsk genannt werden, unerschwinglich geworden. Nicht nur dass die Preise für solche Artikel explodiert sind, sondern auch die Renten die die Senioren vorher in der ukrainischen Währung Hryvnia bezogen haben, ist wie ein Käsefondue zusammengeschmolzen, nachdem die Währung extreme Verluste nach dem Maidan-Putsch hinnehmen musste. Nach der Umstellung von Hryvnia auf den russischen Rubel - nach der Blockade durch Kiew gab es keine andere Möglichkeit zu Bargeld zu kommen - wurde die fast wertlose Rente in Hryvnia dem aktuellen Kurs entsprechend in Rubel umgewandelt. So müssen die Rentner mit rund 2600 Rubel auskommen, das sind etwa 43 € nach heutigem Kurs. Und davon muss beispielsweise die 86-jährige Dame die ich interviewt habe, 1700 Rubel für die Miete bezahlen. Somit bleiben ihr lächerliche 900 Rubel, knappe 15 €, zum "Leben" übrig.

Der 63. Humanitäre Hilfskonvoi aus Russland brachte am 23. März 2017 wieder dringend benötigte Waren für die jüngsten Bewohner von Donezk, wie Windeln, Babypuder, Milchpulver, Breie, etc.








Ohne diese Hilfslieferungen wäre das Leben höchstwahrscheinlich nicht so schnell und positiv - so gut es eben unter den gegebenen Umständen geht - zurückgekehrt. Aus Dank hat die Stadt Makeevka den ersten LKW dieser russischen Hilfslieferungen auf einen Sockel gehoben und ihm so ein Denkmal gesetzt. Und bevor jetzt manch konspirative Seele sich die Mühe macht und den Absender der Produkte ermitteln will, die OOO «АГАТ», dem sei gleich versichert, dass es nicht der russische AGAT-Konzern ist, der Waffen für die Marine herstellt.